6. Oktober 2016 mainwunder

Der Fall Ferrante: Warum Pseudonyme für Autoren sinnvoll sein können

Die Enthüllung der wahren Identität der italienischen Autorin Elena Ferrante hat in diesen Tagen für einen Aufschrei in der Branche gesorgt. Ferrante, die sich und ihren wahren Namen seit vielen Jahren aus der Öffentlichkeit heraushält, stand nun einer völligen Entkleidung ihrer selbst gegenüber. Da war von der Offenlegung der Honorare die Rede, von Besitztümern wie Immobilien und ihrem zweiten Beruf als Übersetzerin. Muss das sein, haben sich viele – vor allem Autoren – gefragt. Kann die Privatsphäre nicht respektiert werden, wenn man das möchte? Und: Welchen Nutzen hat der Leser nun davon, zu wissen, wie Ferrante wirklich heißt? Ich möchte mich an dieser Stelle nicht an der Diskussion beteiligen – die Enthüllungsartikel haben einen zu faulen Geschmack bei mir hinterlassen.

Ich habe mich jedoch gefragt: Was bedeutet es eigentlich für Autoren (gleich ob Verlagsautoren oder Selfpublisher), ein Pseudonym zu haben? Was bringt es mir als Autor? Welche Varianten gibt es und welche davon sind sinnvoll? Und wie sieht überhaupt der konkrete Nutzen aus – für mein Privatleben als auch für meinen beruflichen Erfolg als Autor? Schauen wir es uns einmal an.

Sowohl Autoren mit offenen als auch mit geschlossenen Pseudonymen gehören zu meinen Kunden. Offene Pseudonyme sind Pseudonyme, bei denen leicht der eigentliche Name des Autors/der Autorin zu ermitteln ist. Das heißt zum Beispiel, wenn Autoren auf ihrem privaten FB-Profil mit ihrem richtigen Namen kommunizieren, auf Ihrer Seite aber als Pseudonym. Oder wenn Autoren ihren Namen in der Autorenbeschreibung auf Amazon erwähnen. Oder damit auf ihrer Website offen umgehen. Dies kann dann sinnvoll sein, wenn man lediglich die Kaufentscheidung – beispielsweise im Online-Shop – positiv beeinflussen möchte. Hier kennen die Käufer oftmals die wahre Identität nicht und entscheiden im Hinblick auf die Gesamtwirkung von Buchtitel-Buchcover-Autorenname-Klappentext-Bewertungen.

Geschlossene Pseudonyme sind – wie bei Elena Ferrante – Autoren, die ihre wahre Identität völlig verschleiern. Sie treten öffentlich nur unter ihrem Pseudonym auf, geben ihren wirklichen Namen nicht preis und dieser ist auch nirgends zu finden. Je nachdem, was sich Autoren von einem Pseudonym erhoffen, würde ich ein offenes oder geschlossenes empfehlen.

Welchen Nutzen haben Pseudonyme?

Pseudonyme können verkaufsfördernd sein

Du hast einen absolut unaussprechlichen Namen? Er hat einen komischen Klang und man würde sich immer vertippen, wenn man ihn schreibt? Dann sollte darüber nachgedacht werden, sich ein Pseudonym zuzulegen. So wie der Buchtitel sollte auch der Autorenname im Kopf bleiben, knackig sein und Neugier wecken. Auch sollte der Autorenname zum Genre passen, um die Gesamtwirkung der Bücher abzurunden.

Pseudonyme können Einfluss auf das Kaufverhalten von Lesern haben. Klick um zu Tweeten

Je nach Genre kann es sinnvoll sein, das Geschlecht zu wechseln. So ist es allgemein bekannt, dass historische Romane von Frauen besser verkauft werden als wenn diese von einem Mann geschrieben wurden. Auch würde man einem Mann keine Liebesromane abnehmen – hier wäre ein weibliches Pseudonym angeraten. Im Bereich Fantasy sind es die Unterkategorien, die eine Rolle spielen: Epische Fantasy von männlichen Autoren wird besser angenommen, romantische Fantasy von weiblichen Autoren.

Pseudonyme schützen das eigene Selbst

Autoren haben – wie viele Künstler – Angst vor Kritik. Angst davor, zerrissen zu werden. Ein Pseudonym hilft, hier Abstand zu halten und Kritik nicht persönlich zu nehmen. Je bekannter Autoren sind, desto mehr kommt auch der Aspekt Sicherheit hinzu. Schutz der Familie, der eigenen Kinder und von sich selbst. Schließlich kann es doch passieren, dass Fans ihre Liebe zu ihrem Idol übertreiben.

Pseudonyme trennen Geschäftszweige

Viele Autoren haben noch einen anderen Beruf neben dem Schreiben. Und nicht jeder möchte offen damit umgehen, was müsste man dem Chef, den Kollegen oder den Kunden alles erklären. Geschäftszweige mit Hilfe einer anderen Identität zu trennen kann deshalb überaus sinnvoll, da geschäftserhaltend sein.

Pseudonyme als Gegenpol zum gläsernen Autor

Dank Social Media wissen wir heute oft viel mehr von Menschen als uns manchmal lieb ist. Wer erfolgreich sein will, muss sich zeigen und zwar authentisch- so predigen wir unseren Autoren immer. Aber was, wenn man ein Pseudonym hat und damit eine andere Identität vortäuscht? In einzelnen Fällen kann dies nicht nur sinnvoll sein, sondern sogar gut. Denn: Was man von uns nicht weiß, macht uns interessanter. Die Gratwanderung ist wichtig: Online präsent sein, ohne seine Identität preiszugeben. Aber dann auch konsequent. Die Konsequenzen sind, dass man sich eben vielleicht nicht auf einer Buchmesse blicken lassen kann. Dass es heute schwieriger ist, seine Privatsphäre zu schützen. Und dass es aufwändiger ist, da man in Deutschland u.a. einer Impressumspflicht nachkommen muss.

Pseudonyme als Schutz für die Familie und sich selbst. Klick um zu Tweeten

Letztlich ist es eine Sache der Abwägung. Ereignisse wie der Fall Elena Ferrante sollten jedenfalls nicht dazu führen, dass sich Autoren dieser Option entsagen. Sondern vielmehr, ihn zum Anlass zu nehmen, um sich darüber Gedanken zu machen, wie es möglich ist, seine Privatsphäre trotz eines Berufes in der Öffentlichkeit zu schützen.

 

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