24. November 2014 mainwunder

„80% meiner Klienten finden mich heute im Netz“

Interview mit Karriere-Coach Dr. Bernd Slaghuis über Facebook, Fußabdrücke und die Bedeutung von PR und Marketing für seinen Erfolg

Wer sich heute in Deutschland als Coach selbständig macht, der ist einem breiten, wachsenden Wettbewerb ausgesetzt. Oft folgt nach der erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung Ernüchterung. Wie jetzt Klienten finden? Oder besser, wie können Klienten mich finden? Und wie hilft mir als Coach ganzheitliche PR und Marketing dabei, mich als Experte auf meinem Gebiet zu etablieren? Was muss ich dabei als Coach beachten? Welche Maßnahmen sind sinnvoll und was lohnt sich eher nicht?
Bernd Slaghuis quadr
Mainwunder hat für euch bei jemandem nachgefragt, der in Sachen Eigen-PR und Marketing mehr als gut aufgestellt ist: Dr. Bernd Slaghuis ist Karriere-Coach sowie Experte für berufliche Neurorientierung und betreibt eine Coaching-Praxis in Köln. Als Führungskräfte-Entwickler, Trainer und Strategieberater ist er für Unternehmen in ganz Deutschland tätig. Er hat einen Lehrauftrag für Managementkonzepte und -techniken an der EUFH Brühl. Über Themen rund um Karriere, Führung und Bewerbung schreibt er in seinem Blog Perspektivwechsel. Mehr Infos zu Bernd und seiner Arbeit findet ihr hier >

mw: Bernd, vielen Dank, dass Du Dir Zeit nimmst, meinen Lesern einen Einblick in Deine Erfolgsstrategie zu gewähren: Du bist DER Experte für berufliche Neurorientierung in Deutschland und geradezu vorbildlich was PR und Marketing in eigener Sache angeht. Wie wichtig ist Dir professionelle Eigen-PR und welche Rolle spielt sie für Deinen Erfolg?
Dr. Slaghuis: Liebe Tanja, vielen Dank für die Blumen! Ob ich DER Experte für berufliche Neuorientierung bin, das weiß ich nicht. Ich kenne viele andere Karriere-Coaches in meinem Netzwerk persönlich, von denen ich sehr viel halte und die teilweise auch schon bedeutend länger als ich im Geschäft sind. Aber ich freue mich natürlich sehr, dass Du meine Positionierung so wahrnimmst.
PR halte ich grundsätzlich für jeden selbständig oder freiberuflich Tätigen für wichtig – und wenn wir PR als „Werbung für sich selbst“ definieren, dann auch für jeden Angestellten. Es geht um Öffentlichkeit und die Wahrnehmung der eigenen Produkte oder Leistungen durch Dritte. Wer sich als Selbständiger im stillen Kämmerlein wunderschöne Angebote überlegt, aber davon gerade einmal der besten Freundin erzählt, der darf sich nicht wundern, dass niemand anfragt und das Geschäft gar nicht erst ans Laufen kommt.
Ich kenne viele Kollegen, die scheuen sich z.B. vor einer Facebook-Seite und denen ist jeder Fußabdruck im Netz suspekt. Klar, Öffentlichkeit kann auch seine Kehrseite haben, etwa wenn schlechte Leistungen durch Kunden in Bewertungsportalen oder in den Sozialen Medien öffentlich gemacht werden. Ich habe mich klar dafür entschieden, dass jeder Fußabdruck von mir gut ist und eine Chance bietet, dass immer mehr Menschen von mir und meiner Arbeit erfahren.
Ich bin nun 4 Jahre als Coach selbständig und etwa 80% meiner Klienten findet mich heute im Netz. So langsam kommt in den letzten Monaten das Empfehlungsgeschäft in Gang, aber das braucht Zeit – gerade in meiner Branche, denn nicht jeder möchte erzählen, dass er beim Coach war. Das ist etwas anderes als bei Frisören oder Bäckereien. Meine starke Präsenz und die aktiv betriebene PR-Arbeit waren wichtig, um als Player im Markt wahr- und auch ernstgenommen zu werden.

mw: Du hast erkannt, dass es wichtig ist, Zeit und Geld in sich als Person und sein „öffentliches“ Profil zu investieren. Hat das Auswirkungen auf Deine Zufriedenheit, was Deine Arbeit angeht?

Dr. Slaghuis: Du sprichst einen wichtigen Punkt an. Ich als Person. Darüber habe ich zu Beginn meiner Positionierung intensiv nachgedacht. Ich bin Coach und Menschen kommen zu mir und nicht in irgendein toll klingendes Geschäft. Meine Person, meine Ausbildung, meine Erfahrungen, meine Persönlichkeit sind das, was den Wert meiner Leistungen ausmacht. Also habe ich mich von Anfang an entschieden, meinen Namen zur Marke zu machen – gekoppelt mit einem Bildelement (dem gelben Symbol).
Und wenn wir von öffentlichem Profil sprechen, dann müssen wir eigentlich noch einen Schritt zurückgehen. Was ist denn überhaupt ein gutes Profil für die Öffentlichkeit? Ich kenne viele Selbständige mit riesigem Bauchladen. Sie vertreten die Meinung, je mehr ich anbiete, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand etwas von meinen Leistungen gebrauchen kann. Ich glaube, das ist keine gute Idee.
Meine Spezialisierung als Karriere-Coach und Experte für berufliche Neuorientierung hat sich mit der Zeit so entwickelt. Heute bin ich froh, dass ich diesen Schwerpunkt habe, denn so kann ich ganz gezielt genau in diese Richtung auch die PR-Aktivitäten steuern. Ein Profil hat etwas mit Einzigartigkeit zu tun, so etwas wie ein Erkennungszeichen. Wer noch kein Profil hat, der sollte zunächst hierfür Geld und Zeit investieren, bevor er oder sie mit dem Bauchladen in die Öffentlichkeit geht.

Hat mein öffentliches Profil Auswirkungen auf meine Zufriedenheit? Naja, ich bin zufrieden und glücklich, wenn ich Menschen mit meiner Arbeit auf ihrem Weg begleiten kann und sie dies näher zu ihren eigenen Zielen führt. Und wenn mein öffentliches Profil dazu beiträgt, dass genau diese Menschen mich ausfindig machen können, dann trägt das auch zu meiner Zufriedenheit bei. Und natürlich zahlt auch ein wirtschaftlicher Erfolg meiner Arbeit auf mein Zufriedenheits-Konto ein.

mw: Neben Deinem Coaching, Vorträgen und Seminaren schreibst Du einen eigenen Karriereblog, unterhältst eine Webseite, bist in den Medien und im Social Web sehr präsent. Wie geht das mit Downshifting zusammen, einem Thema, das häufig in Gesprächen mit Deinen Klienten zur Sprache kommt und so viel bedeutet wie runterschalten, weniger arbeiten statt mehr? Unter uns: Wie viel Zeit investierst Du wirklich für alle Aktivitäten?

Dr. Slaghuis: Unter uns: sehr viel Zeit! Diese Zeile schreibe ich gerade am Sonntag um 11 Uhr. Aber es macht mir Freude und das ist für mich auch der Kern des Downshiftings. Es geht hierbei weniger um das „Down“, also effektiv weniger zu arbeiten, sondern eher um das eigene Bewusstsein, was mir selbst im Beruf und auch im Leben wichtig ist und beide Bereiche selbstbestimmt darauf auszurichten.
Wahrscheinlich arbeite ich heute mehr Stunden im Jahr als früher als Angestellter. Aber ich genieße den Luxus, dann zu arbeiten, wenn ich dies möchte und wenn ich mich entscheide, diesen Text im Café zu schreiben, dann ginge auch dies.
Der Kern ist, dass das, was ich heute tue, meinen Werten und Zielen stärker entspricht. Unabhängigkeit, Freude und Sinn sind mir als Werte extrem wichtig. Ich habe Freude daran, zu schreiben, mir im Blog über Themen tiefere Gedanken zu machen und diese mit den Lesern zu teilen und es macht mir Spaß, sowohl im Einzel-Coaching als auch in Seminaren oder Führungskräfte-Trainings mit Menschen oder Teams zu arbeiten.
Klar ist das auch anstrengend. Nach einem Tag auf der Karriere-Messe mit Vortrag und Bewerber-Beratungen bin ich am nächsten Tag nicht zu gebrauchen und hänge durch. Das ist auch völlig ok so, weil ich es mir erlauben kann – wortwörtlich! Achtsamkeit und das eigene Bewusstsein sind wichtig. Das ist vielen Angestellten im Hamsterrad verloren gegangen und hier entwickelt sich dann der Wunsch nach Downshifting. Also wieder mehr Zeit für das, was jetzt gerade und zukünftig im Job und im Leben besonders wichtig ist. Weniger Arbeit ist nicht immer die Konsequenz – kann aber. Ich glaube, „andere Arbeit“ und eine veränderte Einstellung zur Arbeit ist der entscheidende Faktor.
Trotzdem lauert sicher auch bei uns Selbständigen die Gefahr des Ausbrennens. Gerade wenn wir für unsere Sache sehr brennen (haha – Wortspiel) und jede freie Minute investieren, um das eigene Geschäft noch größer und erfolgreicher zu machen, ist die Gefahr groß, nicht nur wichtige soziale Kontakte, sondern auch die Achtsamkeit für die eigene Gesundheit aus den Augen zu verlieren.
Dabei ist es gerade als Selbständiger wichtig, mit der nötigen Gelassenheit und Entspannung aufzutreten. Oder würdest Du zu mir als Coach kommen, wenn Du das Gefühl hast, ich sei selbst dermaßen gestresst und gehetzt oder gar zwingend auf Dein Geld angewiesen? Also ich würde dann nicht zu mir kommen. Ich versuche also, mir ganz bewusst auch Pausen und Zeiten der Entspannung zu erlauben. Diese Freiheiten besitzen wir Selbständigen (auch Angestellte übrigens) und eigentlich ist doch dies auch ein großer Luxus, als Chef des eigenen Lebens darüber entscheiden zu können.

mw: Welche Entwicklung in Sachen Klienten, Vorträgen etc. kannst Du seit dem Ausbau Deiner PR- und Marketingaktivitäten beobachten? Kannst Du Prozente/Zahlen nennen?

Dr. Slaghuis: Der Coaching-Markt ist extrem unübersichtlich, der Begriff Coach ist nicht geschützt und das erzeugt auf Kunden-Seite eine hohe Unsicherheit. Das merke ich an den Fragen, die mir Klienten im ersten Kontakt stellen. Bin ich der Richtige für ihr Problem? Welche Kenntnisse habe ich? Wird das Geld für ein Coaching bei mir gut angelegt sein? Je klarer das Bild sowohl über meine Persönlichkeit als auch über mein Vorgehen und meine Schwerpunkte in der Öffentlichkeit ist, desto besser können sich Interessenten schon im Vorfeld orientieren. Das führt dazu, dass sich rund 90% aller Erst-Anfragen dann auch für ein Coaching bei mir entscheiden.
Ein zweiter wichtiger Aspekt, über den sich glaube ich viele Selbständige nicht bewusst sind – ist die Frage des Expertentums. Warum werde ich von Dir als DER Experte wahrgenommen? Es sind aus meiner Sicht zwei Faktoren: Zum einen sage ich selbst über mich, dass ich Experte für … bin. Also eine Positionierung, die ich selbst aktiv so vorgenommen habe. Sich überhaupt zu trauen, sich selbst als Experten für … in der Öffentlichkeit zu positionieren, ist für viele Menschen ein schwieriger Schritt.
Sich selbst als toller Hecht zu positionieren ist jedoch leider nur die halbe Miete und kann auch leicht schiefgehen. Durch meine vielfältigen Veröffentlichungen, Gastbeiträge und Presseartikel zeige ich, dass ich mich in meinem Experten-Gebiet gut auskenne und mich intensiv mit einem Thema auseinandergesetzt habe. Es ergibt sich ein schlüssiges, glaubhaftes Bild. Authentizität ist für mich der Schlüssel zum Erfolg.
Coaching hat sehr viel mit Vertrauen zu tun. Und für viele Menschen ist die Investition in einige Stunden Coaching auch eine finanzielle Frage. Umso mehr ist es wichtig, das Gefühl zu haben, bei einem Experten gut aufgehoben zu sein. Und natürlich ist es auch wichtig, dass sich dieses Gefühl in der Zusammenarbeit in Gewissheit wandelt. Ich bemerke, dass meine große Öffentlichkeit und steigende Anzahl hochwertiger Presse-Erwähnungen natürlich nicht nur die Anzahl der Anfragen erhöht, sondern auch die Unsicherheit auf Interessentenseite sinkt, ob ich wohl der Richtige bin.

mw: Welche PR- und Marketingmaßnahmen sind aus Deiner Sicht für einen Trainer und Coach wichtig und welche machen wenig Sinn?

Dr. Slaghuis: Ich kann hier nur aus Coach-Sicht sprechen, im Trainings-Markt kenne ich mich noch zu wenig aus.
PR- und Marketingmaßnahmen haben das Ziel, die eigene Zielgruppe zu erreichen. Wenn klar ist, wer die eigenen Wunsch-Kunden sind (das ist vielen Selbständigen nicht klar), dann ist auch schnell klar, wo sich genau diese im Netz aufhalten. Was lesen sie, in welchen Netzwerken sind sie aktiv, in welchen Kreisen bewegen sie sich.

Wie du vielleicht auf meiner Homepage unter Presse gesehen hast, waren hier in den letzten Wochen einige große Artikel dabei. Der Bonner Generalanzeiger hat neulich samstags ein großes Interview inkl. riesigem Foto abgedruckt. Hunderttausende Leser habe ich damit erreicht. Eigentlich müssten die Zugriffe auf die Homepage in die Höhe schnellen. Das tun sie aber nicht. Eine interessante Beobachtung, die ich mit Print mache. Es ist auch klar, denn darin ist nicht sofort der Link, auf den man mal eben klicken kann. Aber trotzdem glaube ich, dass solch eine Veröffentlichung extrem wertvoll ist. Der Name, das Bild, der Inhalt bleiben in den Hinterköpfen. Und diese Referenz ist natürlich auch ein weiteres Puzzle-Stück als Positionierung als Experte.
Es ist schwierig, ein Generalrezept zu geben. Es geht ums Ausprobieren. Ich habe mich damals entschieden, verschiedene Kanäle zu testen, darunter auch bezahlte Print-Anzeigen in verschiedenen kleineren Magazinen oder Google Adwords. Meine Erfahrung war, dass diese Investitionen sich nicht gelohnt haben.
Und wer glaubt, sich als Trainer oder Coach nur in die vielen Online-Portale und –Datenbanken eintragen zu müssen, um dann von Kunden gefunden zu werden, ist auch schlecht beraten. Diese Portale sind gut, um vertreten zu sein, aber weniger, um Aufträge zu generieren.

Online-Portale sind nur dann nützlich, wenn auch (real) Aktivitäten erfolgen. Ich bin Mitglied bei den Karriereexperten – einem Netzwerk von Coaches, Trainern und Beratern mit dem Schwerpunkt Beruf und Karriere. Kollegialer Austausch, gegenseitige Empfehlungen und die Fokussierung auf genau mein Thema Karriere machen dieses Netzwerk für mich sehr wertvoll. Und hier bin ich auch gerne bereit, eine Jahresprämie für die Premiummitgliedschaft zu zahlen, denn diese Investition hat sich in den letzten Jahren durch vermittelte Presse-Kontakte und den Austausch im Netzwerk gerechnet.

Google+, Facebook und aus meiner Sicht zunehmend Twitter sind Kanäle, um eigene Inhalte zu verbreiten. Google+ hat zudem heute noch großen Einfluss auf das eigene Ranking. Meine Blogbeiträge verbreiten sich heute am stärksten über Twitter, dies ist aber auch das Netzwerk, was am meisten Zeit zur Netzwerk-Pflege beansprucht. Einige Tage ohne Aktivität kosten sofort Follower.
Für extrem wichtig halte ich es, aus der virtuellen Welt rauszukommen. Auch das ist Marketing. Das Nutzen der realen Netzwerke, der Austausch mit Kollegen und das Bekanntmachen der eigenen Leistungen „Face to Face“ sind weitaus wichtiger als ein neuer Fan auf Facebook.

mw: Welche drei Tipps würdest Du Neulingen in der Branche mit auf den Weg geben wie sie sich bekannter machen und ihr Profil in der Öffentlichkeit schärfen können?
Dr. Slaghuis:

• Sich selbst bewusst werden über das zu schärfende Profil.
• Verschiedene Dinge ausprobieren und kritisch hinterfragen, wie wirksam sie waren.
• Keine Angst entwickeln, Wissen in der Öffentlichkeit zu teilen und Positionen zu beziehen.

 

mw: Vielen Dank für dieses aufschlussreiche, offene Interview.

    Schreibe einen Kommentar

    Kontakt

    Es gibt viele Wege, um miteinander in Kontakt zu treten. Suchen Sie sich einen aus :-)

    YouTube aktivieren?

    Auf dieser Seite gibt es mind. ein YouTube Video. Cookies für diese Website wurden abgelehnt. Dadurch können keine YouTube Videos mehr angezeigt werden, weil YouTube ohne Cookies und Tracking Mechanismen nicht funktioniert. Willst du YouTube dennoch freischalten?