7. Mai 2015 mainwunder

„Ein pauschales Alles-ist-wunderbar bringt Autoren nicht weiter“

Interview mit der Frankfurter Lektorin Thirza Albert über die Bedeutung eines professionellen Lektorats, Preise und die Wahl des richtigen Lektors

Wer ein Buch veröffentlichen möchte, braucht ein professionelles Lektorat – doch wozu eigentlich? Was macht ein gutes Lektorat aus und was passiert dabei mit meinem Text? Ich habe mit meiner Frankfurter Kollegin Thirza Albert über all diese Fragen gesprochen: Thirza ist Lektorin und Autorencoach und optimiert Manuskripte im Hinblick auf stilistischeporträt ta_2014 und inhaltliche Stimmigkeit, zielgruppengerechte Sprache, flüssige Lesbarkeit und orthographische Richtigkeit. Als Coach berät und begleitet sie Autorinnen und Autoren während des Schreibens und beim Veröffentlichen ihrer Werke.
Mehr Informationen über Thirza findet ihr auf ihrer Website.

mw: Liebe Thirza, du bist freie Lektorin in Frankfurt und glücklich mit deinem Beruf – was hat dich dazu bewogen, Lektorin zu werden?

Thirza Albert: Zuerst war die Motivation, diesen Beruf (zunächst in Festanstellung) zu ergreifen, schlicht meine Begeisterung für Literatur in allen ihren Facetten. Dass ich nun seit gut neun Jahren als freie Lektorin und seit vielen Jahren auch als Schreibcoach arbeite, hat aber noch zwei weitere Gründe, die für mich mindestens genauso viel Gewicht haben: Ich liebe die Abwechslung und ich habe sehr gern mit interessanten Menschen zu tun.

Gemeinsam mit den Autoren an ihren Texten zu arbeiten, das Potenzial, das manchmal ein wenig verschüttet liegt, freizulegen, den Autoren zu helfen, ihre eigene Stimme zu finden und darin souverän zu werden, das sind Aufgaben, die mich immer wieder begeistern. Manchmal nehme ich zusammen mit den Autoren auch erst einmal eine Standortbestimmung vor: Wo liegen die Stärken eines Textes, wo ist noch Potenzial zur Verbesserung? Dann geht es vielleicht um folgende Fragen: Woran liegt es, dass die Figuren – obwohl sie sehr detailliert ausgearbeitet sind – nicht lebendig wirken? Warum sinkt plötzlich die Spannung, die doch eingangs so wirkungsvoll aufgebaut wurde? Und warum wirken die Dialoge der Protagonisten zuweilen hölzern? Was muss man beachten, wenn man in der Ich-Perspektive schreiben möchte? Und braucht man wirklich einen Erzähler?
Die Vielseitigkeit der Menschen, die ich in solchen Fragen begleiten darf, und die Vielschichtigkeit ihrer Texte faszinieren mich immer wieder.

 mw: Erzähl mir mehr von deinen Kunden, welche Genres bedienst du, was lektorierst du am liebsten?

Thirza Albert: Ich arbeite für Verlage, Firmen, Institutionen und Privatkunden – eine bunte Mischung also, die mich oft bereichert und in der es immer wichtig ist, flexibel auf die Kunden einzugehen und genau hinzuhören, welche Erwartungen und Wünsche es gibt. Viele meiner Privatkunden sind Selfpublisher (oder auf dem Weg dorthin), manche treten aber auch an mich heran, ohne schon zu wissen, welchen Weg ihr Projekt einmal nehmen wird. In der Belletristik arbeite ich hauptsächlich mit Krimis und Unterhaltungsliteratur, im Sachbuch sind die Themen breit gestreut, von naturwissenschaftlichen Themen über Kunst bis hin zu Lifestyle-Ratgebern und Erinnerungsbüchern.

mw: Was würdest du sagen, ist die enorme Bedeutung eines professionellen Lektorats inzwischen in der Buchwelt angekommen?

Thirza Albert: Hier gibt es sicher keine pauschale Antwort. Was ich beobachte, ist eine widersprüchliche Entwicklung: Während in der traditionellen Verlagswelt zum Teil ( und zum Leidwesen der Autoren!) an sorgfältigem Lektorat gespart wird, wird immer mehr Selfpublishern bewusst, dass ein professionelles Lektorat unabdingbar ist, wenn man sich mit dem Schreiben professionell aufstellen möchte. Und das nicht nur, weil ein aufmerksamer Lektor peinliche Fehler aus dem Text holen und den Autor oder die Autorin somit vor Kritik bewahren kann. Ein gutes Lektorat ist immer auch eine Investition ins eigene Schreiben, das ja keine einmal erlernte, in sich abgeschlossene Kunst ist, sondern ein dynamischer, sich immer weiterentwickelnder Prozess.

 mw: Ich höre manchmal von Autoren: Der Lektor hat mir nicht gefallen, der hat mir so viel Text weggestrichen. Unter uns: Was darf ein Lektor und was soll ein Lektor sogar?

Thirza Albert: Ich verstehe mich in erster Linie als Dienstleister. Das heißt, dass ich zuerst genau danach frage, was sich die Auftraggeber von einer Zusammenarbeit mit mir erwarten und was mit dem Text erreicht werden soll. Entsprechend richten wir die Zusammenarbeit aus. Zweite Maxime: Ich arbeite im Sinne der Autoren. Meine Arbeit soll dazu beitragen, dass die Autoren mit ihrem Text zufrieden sind und ihn gerne und selbstbewusst veröffentlichen. Dazu gehört natürlich auch, dass ich Kritik übe! Ein pauschales „Alles-ist-wunderbar“ bringt Autoren nicht weiter. Aber diese Kritik muss nachvollziehbar und immer konstruktiv sein. Und ihre Umsetzung kann nur dann gelingen, wenn die Autoren tatsächlich auch selbst eine Verbesserung spüren. Übrigens sind auch unter meiner Hand schon viele Texte deutlich kürzer geworden – allerdings ist das nie ohne Rücksprache mit den Autoren und nie ohne deren Einverständnis geschehen.

mw: Was macht ein gutes Lektorat aus?

Thirza Albert: Die Antwort auf diese Frage schließt nahtlos an das eben Gesagte an: Ein gutes Lektorat leistet eine deutliche Verbesserung des Textes – und zwar nicht nach den Regeln irgendeines abstrakten Richtlinienkataloges, sondern immer genau zugeschnitten auf den einen Text mit seinen Besonderheiten und immer orientiert auf das, was die Autorin oder der Autor sich wünscht. Ein sorgfältiges Lektorat zeigt Stärken und Schwächen auf, hilft den Autoren, den eigenen Text mit Abstand von außen zu betrachten und ihn zu verorten, was sehr hilfreich für das weitere Schreiben sein kann. Inzwischen gibt es einige Lektorinnen und Lektoren, die – wie ich auch – ihren Kunden auch Autorencoaching anbieten. Wo das Lektorat seine Grenzen erreicht, kann ein Autorencoaching eine sinnvolle Ergänzung sein, vor allem für die Autorinnen und Autoren, die sich professionalisieren möchten.

mw: Gibt es branchenübliche Richtwerte, was ein professionelles Lektorat kostet?

Thirza Albert: Das gibt es nicht, denn dazu sind die Texte und somit auch die Aufgabenstellungen schlicht zu individuell. Lektorat ist nie gleich Lektorat! Man sollte ich aber folgende einfache Gleichung vor Augen halten: Ist das Lektorat zeitintensiv, ist ein höheres Honorar angemessen als bei einer kurzen Bearbeitungszeit. Das klingt banal, allerdings wird es interessant, wenn man kurz darüber nachdenkt, ob man die Vergabe eines Lektoratsauftrags nach dem Preis entscheiden möchte. Ein billiges Lektorat kann keine gründliche Auseinandersetzung mit dem Text beinhalten. Und ein zu billiges Lektorat kann nur von einem unseriösen Anbieter kommen, der entweder keine Erfahrung oder keine Aufträge hat. Es werden immer mal wieder konkrete und realistische Zahlen genannt – beispielsweise im Autorenhandbuch des Uschtrin-Verlags. Eine erste Orientierung können solche Zahlen sein (zum Beispiel ca. 10 Euro pro Normseite à 1500 Zeichen bzw. ein Stundenhonorar von ca. 50 Euro netto), verhandeln muss man aber individuell. Coachingstunden liegen in der Regel höher.

mw: Welche Rolle spielen aus deiner Sicht Marketing- und PR-Aktivitäten für Selfpublisher bzw. Verlagsautoren?

Thirza Albert: Ich beobachte, dass das Marketing in den letzten Jahren immer wichtiger für Autoren wird – und das gilt für Verlagsautoren fast genauso wie für Selfpublisher. Wer als Verlagsautor nicht einen der ersten Programmplätze belegt, muss sich auch in einem Verlag heute stark initiativ zeigen. Selfpublisher haben dieses Thema von Natur aus selbst in der Hand, und wissen: Jedes Produkt, und sei es noch so gut, muss vermarktet werden, wenn es wahrgenommen werden soll. Büchern sieht man von außen zunächst nicht an, ob sie Qualität haben. Ein gutes Cover ist der erste wichtige Schritt, diese Qualität sichtbar zu transportieren. Darüber hinaus gilt es, mit einer guten Präsentation und über wirkungsvolle Maßnahmen den Lesern eine Tür aufzumachen und sie gezielt einzuladen, „ins Buch hineinzukommen“. Das Marketing ist in meinen Augen das wichtigste Feld, auf dem Autoren parallel zum Schreibprozess aktiv werden sollten, wenn sie ihrem Buch zu Sichtbarkeit verhelfen möchten.

mw: Was hast du hier für Erfahrungen gemacht? 

Thirza Albert: Manche Autoren scheuen erst einmal davor zurück, „Eigenwerbung“ zu betreiben – andere haben hier keine Berührungsängste. Doch es scheint für beide gleichermaßen schwer, zu entscheiden, was die richtige Marketingstrategie für ihr spezielles Produkt ist. Welche Kanäle bedient man, wie nah kommt man den Lesern in den sozialen Netzwerken, welche Maßnahmen zeigen tatsächlich Wirkung, welche sind eher Zeitverschwendung? Ich glaube, hier kann deine Agentur wertvolle Orientierung leisten.

mw: Worauf muss ich als Autor/Autorin bei der Wahl eines Lektors/einer Lektorin achten?

Thirza Albert: Ich würde dazu raten, sich immer mehrere Profile von Lektoren anzuschauen, zum Beispiel in der Datenbank des Lektorenverbands unter www.lektoren.de, wo man viele qualifizierte Kolleginnen und Kollegen finden kann. Der Lektorenverband steht für den Austausch seiner Mitglieder untereinander und stellt zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten bereit – beides sind in meinen Augen Kriterien, die die Qualifikation einer Lektorin/eines Lektors maßgeblich beeinflussen.

Wer interessiert ist, seinen Lektor oder seine Lektorin auch persönlich kennenzulernen, sucht am besten in räumlicher Nähe. Dass das eigene Genre zu den explizit genannten Arbeitsgebieten der entsprechenden Person gehört, ist ebenfalls wichtig, ebenso wichtig wie die Erfahrung der Lektorin oder des Lektors. Darüber hinaus ist in meinen Augen vor allem die Chemie entscheidend. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, ob man zusammenpasst, lohnt es sich, zumindest miteinander zuI telefonieren und nicht nur per Mail ein Angebot einzuholen.

mw: Drei Tipps, die du den Autoren unter meinen Lesern noch mit auf den Weg geben möchtest:

1. Neugier bewahren (sie ist die beste Grundlage für jedes Schreiben und Veröffentlichen)

2. Professionell auftreten (mithilfe eines guten Netzwerks und den richtigen Dienstleistern)

3. Und das Wichtigste: nicht aufgeben!

 

Thirza, vielen Dank für das Interview!

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